Lehrergesundheit - Lärm - mangelnder Bildungserfolg - Fakten der Untätigkeit und ihre Folgen

1. Lärm und mangelhafter Bildungserfolg

Zusammenhang zwischen Nachhallzeiten (RT/s) und Sprachverständlichkeit (STI = Speech-Transmission-Index) in 55 Klassenräumen (Quelle: Oberdörster, M.; Tiesler, G.: Akustische Ergonomie der Schule. Schriftenreihe der BAuA Fb 1071, Dortmund, 2006)

Wir (Bildungsverantwortlichen) erzeugen unfreiwilligerweise unsere Bildungsprobleme selbst, wenn die Kinder in Räumen unterrichtet werden müssen, in denen sie auf Grund akustisch unzureichender  Bedingungen (Nachhallzeiten von 0,8 bis 1,0 s (z.B. in HH) und höher!) das Gesprochene bereits akustisch nicht vollständig verstehen. Das gilt insbesondere für Kinder mit Migrationshintergrund, für die eigentlich eine Nachhallzeit von unter 0,5 s baulich einzuhalten wäre, denn für viele Kinder dieser Gruppe ist nicht nur Deutschunterricht, sondern jeglicher Unterricht im Prinzip nichts anderes als 'einsprachiger Fremdsprachenunterricht'. Es ist vielfach bewiesen, dass bei höheren Nachhallzeiten – wie sie in den meisten deutschen Klassenräumen anzutreffen sind, die Verstehensleistung und damit das LERNEN rapide abnimmt, weil insbesondere diese Kinder (noch) nicht hinreichend über die Fähigkeit verfügen, aus Bruchstücken des akustisch Verstandenen sich den restlichen Inhalt zu erschließen. (Obenstehende Grafik zeigt, dass bei einem Nachhallfaktor von 0,8 die Sprachverständlichkeit nur noch bei ca. 60% liegt.)

Die meisten Klassenräume sind akustisch noch für den überholten Frontalunterricht (inkl. autoritären Disziplinregeln!) ausgelegt und weit von heute anzustrebenden Standards entfernt. Moderner, differenzierter Unterricht mit Partner-, Gruppen- oder Projektarbeit etc. erlaubt bzw. erfordert sogar mehrere gleichzeitig Sprechende im Raum und erzeugt damit einen höheren Schallpegel (dB) mit u.U. gesundheitlichen Beeinträchtigungen von Lehrkräften. Gegenmaßnahmen, wie sie aus der Großraumbüroforschung bekannt sind, wie Zonierung, Abschirmung etc. zur Vermeidung wechselseitiger Störungen bzw. von Flatterechos oder dem Lombard-Effekt sind in Schulen noch weitgehend unbekannt.

So gibt es in 15 von 16 Bundesländern keine verbindliche Schulbaurichtlinie zur raumakustischen Planung (nur Bremen), es wird lediglich erwartet, dass die Architekten die DIN 18041 als Orientierung heranziehen, sie gilt aber nicht als rechtsverbindlicher Standard mit entsprechenden Haftungs- und Nachbesserungsauflagen.

Zudem wurde ab 3/2016 eine Neufassung der DIN-Norm 18041 gültig, die für inklusiven Unterricht als Obergrenze nur noch einen Nachhall von 0,4s erlaubt (für 'normalen' Unterricht 0,5s), wohlgemerkt als Obergrenze! Diese Normen gelten längst z.B. auch in schwedischen oder dänischen Schulen für sog. open-space-Unterrichtskonzepte (offene Lernlandschaften). Mit dieser Neufassung bewegt sich aber offenbar langsam etwas, so wurde jetzt vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik Stuttgart und dem Ministerium für Verkehr und Infrastruktur Baden-Württemberg - also nicht dem Kultusministerium (!) - eine neue Richtline zur Akustik in Lebensräumen für Erziehung und Bildung herausgegeben, die die neue DIN-Norm berücksichtigt.

Hamburg z.B. investiert allerdings gegenwärtig mehr als zwei MRD € in den Schulbau, aber gehört zu den 15 Bundesländern.... Bei Baubesprechungen zwischen Architekten und Schulleitungen ist folglich die Raumakustik selten ein Thema. Mehr dazu auf dieser Seite unter 'Lärm'.

Dass die Lehrkräfte unter diesen veränderten Lern- und Arbeitsbedingungen leiden, häufig krank und vom Burnout bedroht werden, weist eine jüngst veröffentlichte umfangreiche Studie zur Personenbezogenen Gefährdungsbeurteilung an öffentlichen Schulen in Baden-Württemberg bei über 50 000 Lehrkräften im Auftrag des Kultusministeriums nach.

 

2. Work-privacy-conflict und Burnoutgefährdung

Zusammenhang zwischen Burnoutgefährdung und dem 'work-privacy-conflict' (Quelle: Nübling e.a.: Personenbezogene Gefährdungsbeurteilung an öffentlichen Schulen in Baden-Württemberg. Gesamtbericht 2012

Die Befragung von 54.066 Lehrkräften in BaWü ergab diese eindeutige Relation zwischen einer Burnout-Gefährdung und dem Work-privacy-conflict. Eine entsprechende Relation ist von der Forschungsgruppe auch zwischen dem WPC und dem Gesundheitszustand festgestellt worden.

Eine positive Veränderung um 10 Punkte in der Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf ließe eine Verbesserung der Burnoutgefährdungswerte um etwa 4 bis 4.5 Punkte erwarten, d.h. wenn es in einer Schule, oder einer Gruppe von Lehrkräften durch geeignete Maßnahmen (z.B. Trennung vom häuslichen und Arbeitsbereich) gelingt, den WPC um 10 Punkte zu verringern, ist zu erwarten, dass die Burnoutgefährdung entsprechend sinkt.

Entsprechende Verbesserungen konnten am Goethe-Gymnasium in HH erreicht werden, indem für jede Lehrkraft ein eigener Schreibtisch in 3er bis 6er Büros eingerichtet wurde, die Lehrerschaft wurde 2mal (2008 u. 2012) durch Prof. Schaarschmidt wissenschaftlich untersucht. Da bleibt eigentlich nur noch die Frage, weshalb werden Schulneubauten oder -sanierungen noch genehmigt, ohne dass dem Grundsatz 'ein Schreibtisch für jede Lehrkraft in der Schule' entsprochen wird. Schließlich verändern sich die Schulen in unserem Lande in einem ungeheuren Tempo zu Ganztagsschulen (bis 16.00 Uhr!) - und wo sollen Lehrkräfte ungestört in der Schule arbeiten, wenn sie gerade nicht vor der Klasse stehen?

Das sind nur zwei von vielen grundsätzlichen Fragen zu den Arbeitsbedigungen des Berufsstandes, die bei einer Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung nach dem Arbeitsschutzgesetz (§5, Abs. 3, Zif. 6) zu untersuchen wären - seit dem 1.1.2013 hat der Arbeitgeber hier ein Problem!

Aktuell: Baden-Württemberg handelt!
Als erstes Bundesland schafft Baden-Württemberg Fakten in der Frage der Lehrerarbeitsplätze in der Schule: Mit den neuen Schulbauförderrichtlinien vom Ende 2015 ist jetzt für die meisten Schulformen verbindlich festgeschrieben, dass pro Vollzeitlehrerstelle 6-8m2 als Arbeitsraum eingeplant und vorgehalten werden müsste - wenn die Schulträger entsprechende Anträge bei Neubauten/Sanierung stellen. Das wäre für ein vierzügiges Gymnasium mit ca. 50 Stellen etwa eine Fläche von 300-400m2 - ein echter Fortschritt!

 

3. Arbeitsbedingungen von Lehrkräften - Was wollen wir?

Und nun mal ehrlich, was fällt Ihnen als Erstes zu ‚Arbeitsbedingungen von Lehrern’ ein? Vermutlich geht es Ihnen ähnlich wie bei Google – dort findet man zu diesem Stichwort zuvorderst Einträge zur Arbeitszeit und zur Bezahlung von Lehrern, darüber hinaus tauchen dort noch häufig die vielfach schwierigen Schüler und ggf. der Lärm in der Schule auf.

Was merkwürdigerweise vielfach fehlt, ist der Augenmerk auf die individuelle Arbeitsumgebung der Lehrkraft, auf die positiv erfahrene Einbindung in ein Team, wie die  Beteiligungsmöglichkeiten in der Gestaltung der Arbeit sind, ob eine Entlastung durch eine sinnvolle Rationalisierung stattfindet und ob es trotz allem berufsspezifische Krankheiten oder Störungsbilder gibt, an deren Reduzierung die Arbeitgeber allein schon aus Kostengründen ein dringendes Interesse haben sollten.

Diese Seite versucht, ein Umdenken anzustoßen und den Blick auf die ganz konkrete Arbeitsumgebung der Lehrkraft in räumlicher und personeller Hinsicht zu lenken:
-    Wo, in welchen und wie gestalteten Räumen arbeitet die Lehrkraft?
-    Wie ist die Zusammenarbeit organisiert, erfolgt dies systematisch und ggf. sogar unterstützt?
-    Welche Möglichkeiten, sich bei der Gestaltung der Arbeit einzubringen, gibt es?
-    Wird die Arbeit der Lehrkräfte entsprechend heutiger technischer Möglichkeiten entlastend, also rationell gestaltet? Oder auch:

- Was trägt die jeweilige Tätigkeit der Lehrkraft zum grundsätzlichen Ziel jeglicher Lehrertätigkeit bei – nämlich eine Qualifikationsverbesserung beim Schüler zu erzeugen?

- Gibt es spezifische Lehrerkrankheiten und was kann man dagegen tun?

- Und wie sieht es mit den zeitlichen Rahmenbedingungen, der work-life-balance aus?

Wir bieten dazu keine endgültigen Antworten, sondern Denkanstöße. Zugleich bieten wir aufgrund unserer Erfahrungen bei der Umsetzung von Veränderungen der Arbeitsbedingungen Unterstützung in Form von Beratung, Schulung oder Vorträgen an.
Mailen Sie uns oder rufen Sie gern an!

Egon Tegge                                                                                              Sigrun Wieske

Schulleiter a.D.,                                                                                        Dipl.Psych.     

Schulberater, Mediator und Coach

 

PS.

Und nicht vergessen, die Seite ist im Aufbau und erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Viele Aspekte, wie die Regelungen zur Arbeitszeitbemessung und ihre gesundheitlichen Implikationen, die Anforderungen an weitere Flächen (Aufenthalts- und Spielflächen, Kommunikations- und Sitzungsräume, Schulrestaurant etc.) fehlen noch und/oder sind in Vorbereitung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Egon Tegge

Egon Tegge
MediatorBM ®, Coach, Fortbildner, Schulbauberater, Schulleiter a.D.   
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Kommende Vorträge und Seminare
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- Personalvertretungsrecht 11.10.16
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über die Claussen-Simon-Stiftung

Schulbauberatung und -durchführung

Seminare, Vorträge durchgeführt u.a. für:

  • Landesinstitut Hamburg

  • Landesakademie Baden-Württemberg Comburg

  • Landesschulamt Böblingen, (BaWü)

  • Deutsche Akademie f. päd. Führungskräfte, (NRW)

  • Deutsche gesetzliche Unfallversicherung, Dresden 2014, 2015

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  • Schule Schrozberg (BaWü)

  • Edith-Stein-Gymnasium, Bretten (BaWü)

  • Insel-Werkrealschule, Pforzheim (BaWü)

  • Wilh.-Röntgen-Realschule, München (Bay)

Besuch und Führung für Schulen u.a.:

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  • Schulen der Stadt Wolfsburg (Ni)

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  • Albrecht-Thaer-Gymnasium, (HH)

  • Gymnasium Hochrad (HH)

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Beratungsangebote & Konfliktmanagement

Zu folgenden Themen bieten wir Fortbildungsveranstaltungen, Seminare, Vorträge für Schulen und Kongresse sowie Verfahren zum Konfliktmanagement an:

  • Lehrergesundheit und Lehrerarbeitsplätze
  • Einrichtung und Umwandlung von Ganztagsschulen (13 Jahre SL eines gebundenen Ganztags-Gymnasiums)
  • Personalvertretungsrecht (vornehml. HH), Konfliktmoderation/-mediation zum Thema
  • Schulbauberatung (auch im Auftrag der Montag Stiftungen)
  • Coaching und individuelle Beratung
  • Mediation BM® (Wirtschaftsmediator; Familienmediation nur in Süddeutschland zus. mit Frau Wieske)
  • Anfragen unter tegge@web.de

Veröffentlichungen zum Thema Lehrerarbeitsplätze

Tegge, Egon: Die Einrichtung individueller Lehrerarbeitsplätze - eine kleine Umstrukturierung mit großen Folgen. In: Maschke, Sabine u.a.. Jahrbuch Ganztagsschule 2015, Schwalbach 2015, S. 118-123.

Feste Lehrerarbeitsplätze in der Schule (PÄDAGOGIK 1/ 2013, Beltz)

Neumann, Eva: Inseln des Rückzugs in: pluspunkt (Magazin für Sicherheit und Gesundheit in der Schule), 1/ 2013

Otto, Jean­nette: Nach­sitzen! : Ar­beits­be­din­gungen in der Schule. In: Die Zeit (2010-04-15), Nr. 16.

Kusch­ne­reit, An­dreas: Leh­rer­ar­beitsplätze in der Schule. In: Ham­burg macht Schule 22 (2010), Nr. 3, S. 44–45. (PDF, ca. 4 MB, Quelle: www.ham­burg.de/ham­burg-macht-schule)

Schaarschmidt, Uwe/Fischer, Andreas: Die Lehrerarbeitsplätze am Goethe-Gymnasium in Hamburg - Eine Bilanz. Ergebnisse und Schlussfolgerungen aus einer Befragung der Kolleginnen und Kollegen. Wien 2009

TV-Mitschnitte und weitere Veröffentlichungen
ZEIT-Podiumsdiskussion HH 22.3.16
   Mitschnitt auf Youtube
tv-talk zwischen E. Tegge und Prof. Tenorth im spiegel-tv: sos-schule-talk
ZEIT-Artikel vom 26.01.2012: Hungernde Seelen. Psychotherapeuten ans Gymnasium? Schulleiter Egon Tegge über den Versuch, seinen Schülern ohne Umwege zu helfen.
Download als Arbeitsblätter in: ZEIT für die Schule, Lehrernewsletter: November: Voll gestresst? Psychische Probleme bei Schülern

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